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Neue Wege entstehen beim Gehen!

Dieser Blogpost ist länger als bei mir sonst üblich. Was nicht heißen soll, dass dies mein neuer Weg sein soll.

Nein, versprochen: Nur eine Ausnahme!

 

Meine Stärke in der Tierfotografie ist die, dass ich lange stillsitzen, stillstehen und stilliegen kann. Aber jetzt ist etwas eingetreten, was im Leben, wie auch in der Fotografie, nicht gut ist: Stillstand. Ich fotografiere seit Monaten Füchse und Eichhörnchen. Eichhörnchen und Füchse. Manchmal auch nur Füchse. Dann nur Eichhörnchen. Immer auf der Jagd, nach einem vielleicht noch besserem Foto als das letzte es war...

Nicht nur, dass ich mich selbst dabei immer häufiger ertappe, unzufrieden und sogar gelangweilt zu sein. Nein, ich habe auch das Gefühl mich nicht mehr weiter zu entwickeln. Immer dieselbe Herangehensweise, immer derselbe Blick, immer dieselbe Wahrnehmung.

 

Jetzt ist es nicht so, dass ich einen neuen Schwerpunkt setzen möchte. Oder plötzlich zur Architekturfotografie wechseln möchte.

Nein, ich möchte nichts anderes, als meinen Blick wieder für anderes öffnen. Geräusche wieder bewusster wahrnehmen, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten... Es ist nicht alles schwarz oder weiß, richtig oder falsch, Fuchs oder Eichhörnchen.

 

Ich startete deshalb das Experiment 'Neue Wege 1.0':

 

Bedingungen: 

  • 2 Stunden bewusstes Hören, Sehen, Fühlen - möglichst jegliches Denken abschalten
  • nicht nach Motiven suchen, sondern Motive wahrnehmen
  • nur 1 Objektiv (ich entschied mich für das Tele. Kein Makro, kein Weitwinkel, keine Normalbrennweite)
  • Fuchsverbot 
  • Eichhörnchenverbot

Los ging es, ganz bewusst dort, wo ich am liebsten und häufigsten in der Natur unterwegs bin. Neue Wege bezieht sich somit nicht auf die rein räumliche Betrachtung, sondern auf die Herangehensweise. Neues, in neuer Umgebung entdecken, kann ja jeder ;-)

Ich lief also einen kleinen bekannten Weg entlang und hatte schwer damit zu tun, nicht nach rotbraunem Fell in der Ferne Ausschau zu halten, nicht darüber nachzudenken, ob Fuchs vielleicht gerade hier seinen Bau hat, als es plötzlich neben mir raschelte. Ah, ein Vogel, war mein Gedanke und ich suchte den Boden ab, ohne einen zu entdecken. Es raschelte immer wieder sehr energisch aus dem Unterholz und dann entdeckte ich sie, eine kleine Waldmaus. Ganz vorsichtig hob ich die Kamera vor's Auge, bewegte mich im Zeitlupentempo, weil immer irgendwelche Blätter oder Grashalme im Weg waren. Kaum hatte ich eine passende Position erreicht, lief die Maus ein Stückchen weiter und das Spiel ging von vorne los. Zwei Fotos passten dann schließlich doch, bevor die Maus in ihrem Mäuseloch verschwand.

Ich stand noch einige Zeit wartend dort, aber die Maus ließ sich nicht mehr blicken. Dann vernahm ich zartes Vogelpiepsen über mir und konnte gerade noch sehen, wie ein Star aus einer Bruthöhle eines Baumes flog. Noch nie hatte ich solch eine Bruthöhle gesehen. Aber woher auch, wenn der Fokus immer auf rotbraunem Fell gesetzt war?! Ich suchte mir einen guten Platz, passte die Kameraeinstellungen für die neue Situation an und wartete geduldig auf die Rückkehr eines der Elternvögel. Und dann ging alles blitzschnell: Mit dem Wurm hinein und mit den Hinterlassenschaften wieder heraus.

Da ich mich an keinem Motiv festbeißen wollte, setzte ich meinen Weg bald fort. Nach ein paar Hundert Metern wurde mein Blick von leuchtend gelben Blüten angezogen. Als ich näher kam, hörte ich das Summen einiger Bienen und Hummeln. Ach, auf ein paar schöne Makros hatte ich plötzlich auch wieder Lust, aber ohne Makroobjektiv und Stativ? "Na ja, muss ja kein echtes Makro sein", dachte ich, "mal gucken, was mit dem Tele Freihand machbar ist." Und schon saß ich auf dem Boden. 

Dann war es an der Zeit, ich machte mich wieder auf den Heimweg.

An Fuchs und Eichhörnchen dachte ich tatsächlich seit dem Mäusetreffen nicht mehr. Und auch jetzt nicht. Und ich weiß auch nicht weshalb, aber ich blieb plötzlich stehen. Es war 'so ein komisches Gefühl'. Ich hatte nichts gehört und auch nichts gesehen und trotzdem ging mein Blick langsam nach oben und da sah ich es, ein Eichhörnchen im Halbschlaf in seinem Kobel. Ich konnte nicht anders, ich musste mein selbst auferlegtes Verbot brechen und wenigstens ein Foto machen.

Es ist erstaunlich, mit welch einem entspannten und glücklichem Gefühl ich wieder nach Hause fuhr. Endlich waren auch die Gedanken der letzten Zeit, unbedingt wieder auf junge Füchse treffen zu müssen, verschwunden. Und noch erstaunlicher war, dass ich die Speicherkarte nicht sofort in den Rechner steckte, sondern vorher noch eine ganze Weile bewusst nur den Erinnerungen an den kurzen Ausflug nachhing.

 

Projekt 'Neue Wege 1.0' wird definitiv fortgesetzt. 

Aber wie versprochen, dann wieder mit kurzer und knapper Beschreibung.